Andi, Salomo und andere Freunde
Ich war sechs Jahre alt und gerade mit meiner Familie aus Norddeutschland in den Süden gezogen. Alles war neu: die Umgebung, der Dialekt, die Schule. Zwei Häuser weiter wohnte eine Familie mit einem Jungen, der fast so alt war wie ich. Andi und ich trafen uns mal zum Spielen – und aus diesem unverbindlichen Beschnuppern wurde eine Freundschaft, die so lange dauerte, wie ich dort wohnte. Mittags nach der Schule war es selten die Frage, ob wir uns treffen wollten, sondern nur, bei wem und was wir machen würden: Fahrradfahren, ein Lagerfeuer oder mit Lego bauen. Ich war ziemlich schüchtern, trotzdem wuchs zwischen Andi und mir schnell eine schöne Freundschaft heran.
Heute bin ich längst nicht mehr so zurückhaltend wie damals als Kind, doch ich merke: Freundschaften schliesse ich nicht mehr so selbstverständlich und leicht. Warum eigentlich? Ich weiss, dass ich Freunde brauche. Ich bin gerne Freund für andere. Was macht es so schwer, Freundschaften zu schliessen, wenn man älter wird? Manchmal liegt es vielleicht nur daran, dass ich aus den Augen verliere, wie wichtig es ist, mit Menschen Schritte in Richtung Freundschaft zu gehen. Jemand, der uns daran erinnert, ist zum Beispiel der biblische König Salomo.
Salomo und die Freundschaft
Als Davids Sohn Salomo zum König gekrönt wird, nennt die Bibel verschiedene Hofbeamte und Minister, die er einsetzt. Es ist eine interessante Liste, denn nach Schreibern, Heerführern und sogar Priestern wird «Sabud, der Sohn Nathans» genannt, und zwar als «Minister» und «Freund des Königs». Es sieht so aus, als hätte Salomo sich sehr bewusst ein Gegenüber an den Hof geholt, einen Mann, dem er vertraut, der mehr ist als Hofbeamter. Sabud soll Ratgeber und Freund sein.
Dass hinter dieser Berufung mehr steckt, sieht man, wenn man die hohe Wertschätzung von Freundschaft in den gesammelten Sprüchen Salomos anschaut – dort geht es um viel mehr als Zufallsbekanntschaften und Kinderfreundschaften: «Freunde dich nicht mit einem Zornmütigen an und geh nicht um mit einem Hitzkopf», schränkt Salomo destruktive Freundschaften ein (Sprüche, Kapitel 22, Vers 24). Er ergänzt dies durch den Hinweis: «Der Umgang mit den Weisen macht weise» (Sprüche, Kapitel 13, Vers 20). Rat und Hilfe eines Freundes sind ihm unbezahlbar: «Öl und Räucherwerk erfreuen das Herz, so auch die süsse Rede eines Freundes aus dem Rat seiner Seele. Verlass deinen Freund und den Freund deines Vaters nicht, aber in das Haus deines Bruders begib dich nicht am Tag deiner Not; ein Nachbar in der Nähe ist besser als ein Bruder in der Ferne» (Sprüche, Kapitel 27, Vers 9-10). Gute Freunde dürfen auch kritisieren – «treu gemeint sind die Schläge des Freundes» (Sprüche, Kapitel 27, Vers 6). Vor allem aber lassen Freunde einen nicht im Stich: «Wer viele Gefährten hat, der wird daran zugrunde gehen, aber es gibt einen Freund, der anhänglicher ist als ein Bruder» (Sprüche, Kapitel 18, Vers 24).
Freunde «passieren» nicht einfach
Sind das alles nur «Sprüche»? Natürlich vereinfachen diese Spruchweisheiten, doch sie zeigen einen wichtigen Aspekt des Themas Freundschaft: Freunde «passieren» nicht einfach. Es ist gut möglich, dass man sich zufällig kennenlernt, dieselben Hobbys hat und sich auch noch mag – und dass daraus eine Freundschaft wird. Doch genau diese Zufälle ereignen sich im Laufe des Lebens immer seltener. Sandkastenfreundschaften entstehen dann kaum mehr. Stattdessen geht es darum, dass ich aktiv Beziehungen gestalte: mich als Freund erweise und andere um ihre Freundschaft bitte.
Spannend wird dies vor allem, wenn ich Freundschaften mit Menschen schliesse, mit denen ich den Glauben an Christus teile, aber sonst vielleicht nicht besonders viel. Oder mit denen mich vieles verbindet, aber gerade nicht der Glaube. In diesen Fällen erweist sich Freundschaft oft als ein Brückenschlag über unterschiedliches Denken und Dasein hinweg. Sie wird dadurch besonders bereichernd. Und sie erinnert ein Stück weit an Jesus, der sich im Umgang mit seinen Jüngern von den damals üblichen Hierarchien verabschiedet und ihnen erklärt: «Euch aber habe ich Freunde genannt…» (Johannes, Kapitel 15, Vers 15).
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