«Kidnapping-Industrie» und Islamisierung Nigerias
Das katholische Hilfswerk «Kirche in Not» berichtete über den Besuch des bekannten katholischen Priesters und Verfechters der Menschenrechte in der Schweiz. «Jeden Tag auf der Strasse könnte ich entführt werden, aber bisher hat Gott auf mich aufgepasst», erklärte er. «In den letzten Monaten wurden etwa 125 Priester, Ordensleute, Nonnen und Seminaristen von Terroristen und Banditen entführt. Mehr als 5'000 weitere – Beamte, Geschäftsleute, Politiker, einfache Gemeindemitglieder und sogar Schulkinder – wurden im selben Zeitraum Opfer dieser 'Entführungsindustrie' (…). Auch Beamte sind in diesem 'Geschäft' tätig, Politiker, Regierungsmitglieder, Polizisten, Mitglieder des Geheimdienstes.»
Weltrekord an Tötungen
Von den rund 240 Millionen Einwohnern in diesem Land, das 23 Mal so gross ist wie die Schweiz, wurden im Laufe der Jahre Millionen von Menschen entwurzelt, «vertrieben, um zu überleben!» Ike: «Muslimische Fanatiker sind in die Fussstapfen von Politikern getreten; sie untergruben im Jahr 2000 die Demokratie in Nigeria, indem sie in zwölf Bundesstaaten gewaltsam die Scharia einführten, was im Widerspruch zur Verfassung Nigerias stand. Mehr als 16'000 Christen wurden von 2019 bis Oktober 2023 getötet, gemäss der Beobachtungsstelle für Religionsfreiheit in Afrika (ORFA) in einem Ende August 2024 veröffentlichten Bericht. Innerhalb von zehn Jahren wurden mehr als 100'000 Menschen aus religiösen Gründen getötet, die höchste Zahl aller Länder der Welt derzeit.»
Fulani-Nomaden gefährlicher als Boko Haram
Der katholische Geistliche warnt, dass die muslimischen Fulani-Nomaden, die in allen 36 Bundesstaaten Nigerias leben, für weitaus mehr Morde verantwortlich seien als Boko Haram, die salafistisch-dschihadistische Terrorbewegung, die 2009 einen bewaffneten Aufstand in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias begonnen hatte. Die ursprüngliche Boko Haram, die das islamistische «Kalifat» errichten wollte, ist nach Angaben Ikes «verschwunden und zu einem blossen Akteur des dschihadistischen Banditentums geworden, der sich in der Entführungsindustrie und im Kampf um die Kontrolle über den Abbau seltener Mineralien wie Lithium engagiert. Die verschiedenen Bodenschätze werden oft illegal, unreguliert und quasi handwerklich abgebaut.»
4 Millionen Binnenvertriebene
In Nigeria gibt es heute etwa vier Millionen Binnenvertriebene aufgrund des Boko-Haram-Aufstands im Nordosten – in den Bundesstaaten Borno, Adamawa und Yobe –, vor allem aber aufgrund des Konflikts zwischen den bewaffneten Banden der Fulani-Viehzüchter und Bauern, bei denen es oft um Land- und Wasserressourcen geht. Allein im Bundesstaat Benue – der oft als «Nahrungsmittelspeicher» Nigerias bezeichnet wird – und im Bundesstaat Nasarawa sind es etwa zwei Millionen Menschen, die vertrieben wurden. Ike: «Die daraus resultierende humanitäre Krise überfordert den Staat. Viele Binnenvertriebene leben noch immer in Flüchtlingslagern, die ursprünglich als vorübergehende Zufluchtsorte gedacht waren.»
Islamisierung Nigerias
Die politische Komponente: «Die Angriffe der Fulani werden von der Bundesregierung als Angriffe von 'Banditen' bezeichnet, aber die Regierung ist kompromittiert. Mohammed Buhari, Präsident von 2015 bis 2023, ein bekennender islamischer Fundamentalist, nutzte seine Präsidentschaft, um Personen mit der gleichen Einstellung wie er in der Armee, den Sicherheitsdiensten, im öffentlichen Dienst, in politischen Ämtern, in der Wirtschaft und in internationalen Positionen zu installieren. Der seit Mai 2023 amtierende Präsident, Bola Tinubu, ebenfalls Muslim, führt das von Buhari eingeführte System weiter. Nigeria erhält finanzielle Unterstützung von Saudi-Arabien und wird von der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) – ehemals Organisation der Islamischen Konferenz – unterstützt. Das Ziel ist die Islamisierung des Landes», so Obiora Ike.
Christen sind Bürger zweiter Klasse
Die Christen in Nigeria seien eine schweigende und unterdrückte Mehrheit, Bürger zweiter Klasse, so Ike. Die muslimischen Fulani sind eine herrschende Minderheit. Diese Situation besteht bereits seit der Ankunft der Briten im Land, die den nationalistischeren und besser ausgebildeten Christen aus dem Süden nicht trauten. Die Christen in den südöstlichen Regionen (damals unter dem Namen Biafra bekannt) hatten keinen Zugang zu den Sphären der Zentralmacht. Der Bürgerkrieg in Biafra (1967-1970), der über zwei Millionen Menschen, vor allem Kindern, das Leben kostete, verstärkte diesen Trend noch.
Angesichts des Leidens der nigerianischen Bevölkerung arbeitet die katholische Bischofskonferenz mit der Nigerianischen Christlichen Vereinigung (CAN) zusammen, die unter anderem die katholische Kirche und den Nigerianischen Christenrat (CCN), die wichtigsten protestantischen Gruppen sowie die Pfingstkirchen umfasst. Ausserdem arbeitet sie mit gemässigten Muslimen und Gruppen der Zivilgesellschaft zusammen, die sich für Frieden einsetzen.
Pater Obiora Francis Ike wurde 1956 in Gusau im Nordwesten Nigerias geboren. Mit 22 Jahren machte er seinen Bachelor in Philosophie und studierte anschliessend einige Jahre in Deutschland (Bonn) und Österreich (Innsbruck). 1981 wurde er zum Priester geweiht. In Bonn promovierte er in Theologie und Philosophie, bevor er sich 1986 in Sozialethik, Geschichte und Afrikanistik habilitierte. Im selben Jahr kehrte er in sein Heimatland zurück, wo er gut zwei Dutzend NGOs gründete, die in den Bereichen christlich-muslimische Beziehungen, Ökumene, Bildung, Menschenrechte, Gerechtigkeit, Frieden und Entwicklung tätig sind. Er ist Autor zahlreicher Publikationen und hat im Ausland mehrere Preise und Auszeichnungen erhalten.
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